Zur Debatte um die Islam-Landkarte der „Dokumentationsstelle Politischer Islam“

Österreich hat ein bewährtes System der Beziehungen zwischen Staat und Religion, das eine grundsätzliche Trennung bei gleichzeitiger Kooperation vorsieht und in seiner Ausgestaltung in vielem international vorbildliche Qualitäten aufweist.
 
Vor diesem Hintergrund erscheint es als fragwürdig, warum staatliche Behörden nun einseitig eine Landkarte mit flächendeckenden Informationen und Bewertungen zu allen Institutionen einer einzelnen Religionsgemeinschaft erstellen. Diesen Schritt als „Service“ für die Muslime darzustellen, ist schwer nachvollziehbar, da die derart „servicierten“ Personen weder den Wunsch nach dieser staatlichen Dienstleistung geäußert haben noch irgendwie sonst einbezogen worden sind.

Dass die primäre Absicht dieser Landkarte eine andere ist, wurde aus dem ursprünglichen (und inzwischen wieder entfernten) Text darunter klar: „Wenn Sie Informationen zu einzelnen Vereinen oder Moscheen haben, … schreiben Sie uns bitte an …“. Solche Impulse zu gegenseitiger Bespitzelung dienen, so wissen wir aus leidvoller Erfahrung, nicht dem gesellschaftlichen Frieden.
 
Die Karte versteht sich offensichtlich als Instrument im Kampf gegen einen „politischen Islam“. In deutschen Medien (FAZ.NET, 01.06.2021) wird sie gleich schon als „Landkarte des politischen Islam“ tituliert. Genau darin liegt das Problem: Durch die gemeinsame Präsentation von „Islam“ und „Islamismus/politischem Islam“ entsteht – ungewollt oder gewollt – eine Vermischung dieser beiden Inhalte, die zur Belastung für alle friedlichen, gläubigen Muslime wird. Aus exakt diesem Grund sollte die plakative Formulierung „politischer Islam“ überhaupt endlich aufgegeben werden, auch in der Bezeichnung der betreffenden Dokumentationsstelle, da sie ungeeignet ist, zwischen legitimen politischen Anliegen von (jeder) Religion und destruktiven Formen (wie „Islamismus“) zu unterscheiden.
 
Eine grundsätzliche Orientierung über Zugehörigkeiten einzelner religiöser Gruppierungen ist in sich durchaus nicht schlecht, sondern hilfreich. Aber sollte sie nicht viel eher von der betreffenden Religionsgemeinschaft selbst erstellt werden? Hier tut sich ein Feld auf, in dem beide Seiten, die staatlichen Behörden und die Islamische Glaubensgemeinschaft, unter Beweis stellen könnten, dass es ihnen mit Integration und Kooperation wirklich ernst ist.
 
Mag. Dr. MARKUS LADSTÄTTER
Leiter der Kommission für den interreligiösen Dialog der Diözese Graz-Seckau
Geschäftsführender Vorsitzender der Kommission Weltreligionen der Österreichischen Bischofskonferenz
Mag. JOHANN BRUCKNER
Leiter des Diözesankomitees Weltreligionen
Vertreter der Diözese St. Pölten in der Kommission Weltreligionen der ÖBIKO

Dr. MARIJAN ORSOLIC
Leiter der Fachstelle "Kirche im Dialog"