Fasten in den Weltreligionen

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Die wichtigsten Feste des Judentums, Christentums und Islam liegen in diesem Jahr dicht beieinander: Pessach (27.03.-4.04.) und Ostern (4.04.) sind hinter uns, der Fastenmonat Ramadan beginnt am 12.04. Bei allen drei Festen spielt Fasten eine wesentliche Rolle: als Vorbereitung auf das Ostern im Christentum; als eine der Grundpflichten des Islam, von der der wichtigste Monat des Jahres für Muslime geprägt ist; als Vorbereitung auf Pessach im Judentum, wobei viele gläubige Juden auf gesäuerte Speisen an den sieben Tagen vor Pessach verzichten. Fasten ist also ein fester Bestandteil aller großen Religionen, wenn auch in den verschiedenen Religionen aus unterschiedlichen Gründen gefastet wird. Das ist ein guter Anlass, einen Überblick über die Fastentraditionen in den großen Weltreligionen zu machen.

Im Christentum hat das Fasten vorbereitenden Charakter. In der Fastenzeit vor Ostern üben sich Christinnen und Christen 40 Tage im Verzicht auf Genussmittel oder schlechte Angewohnheiten, um ihren Lebensstil zu überdenken und sich auf das Osterfest zu vorbereiten. Diese Fastenzeit geht auf die 40 Tage zurück, die Jesus betend und fastend durch die Wüste zog. Ursprünglich gab es im Christentum noch eine zweite Fastenzeit im Advent und es wurde an zwei festen Tagen gefastet: Mittwochs, weil Judas Jesus an diesem Tag verraten hat, und freitags, als Erinnerung an die Kreuzigung Jesu. Diese Traditionen gingen weitgehend verloren. In der Orthodoxie hat das Fasten einen höheren Stellenwert (4 Fastenzeiten im Kirchenjahr), Angehörige der Westkirchen sind beim Fasten weniger streng – jeder entscheidet selbst, worauf man verzichten will: Neben Klassikern wie dem Verzicht auf Alkohol, Süßigkeiten, Tabak verzichten manche heutzutage auch auf Internetnutzung, CO2 oder Plastiksackerln.

Im Islam ist das Fasten eine der fünf Grundpflichten, Säulen dieser Religion. Die wichtigste Fastenzeit im Islam ist der neunte Monat des islamischen Mondjahres Ramadan. Das Datum des Ramadans verschiebt sich jedes Jahr hinsichtlich des islamischen Mondkalenders um etwa zwei Wochen. Im Ramadan dürfen Musliminnen und Muslime zwischen Sonnenauf- und Sonnenuntergang nicht essen, trinken und rauchen. Der Grund des Fastens ist, dass im Monat Ramadan der Koran offenbart wurde. Der Ramadan hat einen stark gemeinschaftsfördernden Charakter: Das abendliche Fastenbrechen (Iftar) findet in größeren Gruppen statt und Almosen für die Armen sind während des Ramadans von großer Bedeutung. Der Ramadan endet mit dem großen Fest des Fastenbrechens (arab. Id al-Fitr, türk. Zuckerfest).

Im Judentum gibt es mehrere Fastentage vor/an großen Festen: vor Purim, vor Pessach, an Jom Kippur. Der strengste und der einzige in der Thora belegte Fasttag im Judentum ist der Versöhnungstag Jom Kippur (man darf eine ganze Nacht und den ganzen darauffolgenden Tag weder essen noch trinken). Es gibt im Judentum noch einige Fastentage, die zur Erinnerung an besonders tragische Geschehnisse im Laufe der Geschichte des jüdischen Volkes dienen.

Im Buddhismus und Hinduismus gibt es keine verbindlichen Fastenregeln oder -zeiten, das Fasten hängt mit dem individuellen Ansatz zusammen. Im Buddhismus spielt Verzicht eine wesentliche Rolle. Das Fasten kann die Meditation auf dem Weg zur Erleuchtung erleichtern. Buddhistische Mönche und Nonnen verzichten täglich nach zwölf Uhr mittags auf jegliche Nahrung. Mancherorts hat sich eingebürgert, zu Vesakh (Fest der Geburt, Erleuchtung und Tod Buddhas) zu fasten. Im Hinduismus fasten manche Gläubige zum Ehrentag Shivas oder zu Krishnas Geburtstag. Einige folgen mit ihrem Verzicht auf Nahrung dem Beispiel von Mahatma Ghandi, der einmal sagte: „Was die Augen für die äußere Welt sind, ist das Fasten für die innere“. Im Hinduismus hat die Askese eine hohe Bedeutung: manche Gurus und Mönche verzichten über einen längeren Zeitraum auf alles nicht Überlebensnotwendige, leben zurückgezogen als Einsiedler und besitzen nur, was sie am Leib tragen.

Ob als Vorbereitung auf große Feste (Christentum), als Besinnung auf die Offenbarung Gottes (Islam), als Erinnerung an erlittenes Unheil (Judentum), als Hilfe auf dem Weg zur Erleuchtung (Buddhismus) oder als Ausdruck der asketischen Lebensweise (Hinduismus) - das Fasten ist eine wichtige Gemeinsamkeit der sonst so unterschiedlichen Weltreligionen.

Dr. Marijan Orsolic