Für die Freiheit in und auf den Köpfen | Weltreligionen
 

 
 
 

Für die Freiheit in und auf den Köpfen

Dr. Markus Ladstätter, Geschäftsführender Vorsitzender der Kommission Weltreligionen der Österreichischen Bischofskonferenz, nimmt Stellung zur neu aufgeflammten Kopftuchdebatte.

Für die Freiheit in und auf den Köpfen
Derzeit lässt die österreichische Bundesregierung ein Gesetz ausarbeiten, welches Kindern in Volksschulen und Kindergärten das Tragen von Kopftüchern verbietet. Argumentiert wird mit dem Schutz von Kindern vor Symbolen und Kleidungsstücken, die einen negativen Einfluss auf ihre Entwicklung haben. Abgesehen von der Frage, ob letzteres wirklich zwingend zutrifft, ist hierzu einerseits zu klären, wie eine solche, allein auf Musliminnen zugespitzte Maßnahme mit der Religionsfreiheit sowie dem Erziehungsrecht der Eltern zu vereinbaren ist. Andererseits steht aber vor allem zu befürchten, dass ein Verbot in der Wirkung kontraproduktiv ist: Das eigentliche Problem ist ja nicht ein Kleidungsstück, sondern eine Haltung, die diesem zugeschrieben wird. Kann ein Verbot den vermeintlich fehlenden Integrationswillen fördern, oder bewirkt es das Gegenteil, nämlich Verhärtung?


Inzwischen wird auf Seiten der Kanzlerpartei laut über eine Ausweitung des Verbotes auf bis zu 14-jährige nachgedacht, während der Vizekanzler überhaupt gleich auch die Universitäten einbeziehen möchte. Damit wird offensichtlich, dass das Ziel nicht nur eine bestimmte Vorstellung vom Kindeswohl ist, sondern die Einschränkung der Freiheit auch erwachsener Menschen, die Illegalisierung einer weltweiten kulturellen und religiösen Praxis.


Aus offizieller islamischer Sicht ist klar, dass religiöse Vorschriften oder Empfehlungen wie das Kopftuch ab der Geschlechtsreife gelten – und nicht vorher. Inwieweit Eltern ihre Kinder vorher an eine solche Praxis heranführen, liegt in ihrem Ermessen. Eine Frau oder ein Mädchen (in jedem Alter) gegen ihren Willen zum Tragen einer Kopfbedeckung zu zwingen, wird von der Islamischen Glaubensgemeinschaft offiziell entschieden abgelehnt. Dass es faktisch dennoch in manchen Traditionen geschieht, ist nicht von der Hand zu weisen. Dagegen ist vor allem eines notwendig: Überzeugungsarbeit. Und diese ist in erster Linie von der Islamischen Glaubensgemeinschaft zu leisten. Engagierte Vertreterinnen und Vertreter derselben tun dies auch, ebenso wie die Lehrkräfte in der Pädagogenausbildung und die Schulaufsicht. Sie verdienen alle Unterstützung. Verbote helfen dagegen den Fundamentalisten, die sich so als Opfer einer islamfeindlichen Gesellschaft stilisieren und neuen Zulauf rekrutieren können.
Als explizites Vorbild für seine eigene Vision benennt der Vizekanzler den laizistischen türkischen Machthaber Kemal Atatürk der 1930-er Jahre, der das Kopftuch an den Universitäten seines Landes seinerzeit verboten hat. Heute erleben wir unter Erdogan die islamistische Retourkutsche auf diese Politik. Noch deutlicher dasselbe Spiel im Iran: Schah Reza Pahlevi hatte die islamische Kopfbedeckung in der Öffentlichkeit 1936 verboten; im Gegenzug hat die spätere Islamische Republik Iran den heutigen, rigiden Kopftuchzwang eingeführt. Kleidungsverbote bewirken nicht Einsicht, sondern Eskalation.
Warum kann eine österreichische Regierung derartiges wollen? Läuft hier etwas anderes als die konsequente Fortschreibung der Instrumentalisierung jener Feindbilder, die im Wahlkampf sehr bewusst geschürt worden sind? Wie kalkulierbar ist das Spiel mit dem Feuer wirklich? Und die „Lösung“: Konzepte aus den 1930er Jahren von Kemal Atatürk oder dem Schah von Persien als Vorbilder für Österreich im 21. Jahrhundert? Quo vadis, Austria?!


Markus Ladstätter, Religionswissenschaftler, lehrt an der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule Graz und der Karl-Franzens-Universität Graz und ist Geschäftsführender Vorsitzender der Kommission Weltreligionen der Österreichischen Bischofskonferenz

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